Magie, Mystik und Moderne – Rezension Wolfgang Handke

August 2023

Rezension zu Dr. Bernd Krolops Buch (Erstveröffentlichung: 1. September 2023)

Magie, Mystik und Moderne. Religionstheorie nach Max Weber, Düsseldorf 2003

Erstellt von Wolfgang Handke, dem langjährigen Freund und Diskussionspartner von Dr. Bernd Krolop, der in vielen Stunden tiefer Gespräche und eingehenden Analysen unzählige Anstöße zur Erstellung dieses Buches gab.

Ausgehend von Max Webers Spätwerk über Religionssoziologie thematisiert Bernd Krolop den Zusammenhang von charismatischem Handeln und der „Hinterwelt“, einen Transzendenz-Bereich, in welchem sich „mystische Erfahrung“ und „Erleuchtung“ artikulieren können. Dieser „Transzendenzbereich“ ist der „Zaubergarten der orientalischen Religionen“, welcher als Widerpart zum „okzidentalen Bereich des Rationalen (Säkularisierung)“ quasi als dessen andere Seite sich ständig zur Geltung bringt.
Um diese „Hinterwelt“, ein Begriff der von Friedrich Nietzsche stammt, kreist die mystische „Erfahrung“, ein zentraler Topos der „Gnosis“, der zentrale Gegenstand dieses Buches. Die Artikulation der „Gnosis“ vollzieht sich im Individuum, die randständig in dieser Welt existieren wie Mönche, Nonnen oder Angehörige primitiver Stammesgesellschaften, welche die „Brücke zur Hinterwelt“ als Medizinmann oder Zauberer repräsentieren.
Dabei wird klar oder soll klar werden, dass auch in der modernen Welt der Aufklärung und des Rationalismus diese „Brücken zur Hinterwelt“ nicht abgebrochen sind, sondern nur „modernisiert“ wurden, indem nämlich der Autor die „mystische Schau“ als „aktuell-unendliches Erleben der Menge aller Mengen“ deutete (ein logischer Widerspruch in der Mathematik).
Sein (Bernd Krolops) Versuch, wissenschaftliche Resultate aus verschiedenen Disziplinen für die „mystische Schau der Hinterwelt“ fruchtbar zu machen, sollten vor diesem Hintergrund mehr als problematisch empfunden werden. Die Gratwanderung zwischen „mystischer Schau“ und „existenzieller Anomie“ kennzeichnet die „Ambivalenz moderner Individualität“, die auch als Ausdruck nichtkonformer Religiosität verstanden werden kann.
Für diese Sichtweise bringt der Autor Beispiele aus dem Kulturleben der Moderne in Musik und Literatur.
Ausgeblendet wird bei dieser „Kulturgeschichte der Gnosis und Mystik“ und ihrer Beziehung zu den Befindlichkeiten der neuzeitlichen Individualität die Anthropologie eines Max Scheler oder Helmut Plessner, welche „Religiosität“ als Ausdruck des Menschen mit seiner „Sehnsucht nach dem ganz Anderen“ bestimmten (Max Horkheimer aus der psychosomatischen Konstitution mit deinen 6 Sinnen als „Fenster zur Außenwelt“).
Dieser Trieb des Menschen weist immer schon über sich hinaus, die Beziehung zwischen einer Außenwelt und der „Hinterwelt“ wird hier zu einem Hiatus und führt philosophie- und religionshistorisch zu einem harten Dualismus, der sich als Gnosis artikuliert. Dieser Dualismus wird hier anders verortet als in Platons Höhengleichnis; das „Reich der Ideen“ (Formen) ist zwar transzendent, aber immer noch auf die Körperwelt bezogen („Einheit der Gegensätze“).
Auch der „orientalische Zaubergarten“ hatte seine rationalistische Seite, so die „Somkya-Lehre“ im Hinduismus und das „monistische Brahmanentum“.

Generell wird nur die charismatische Schau als Gegenteil rationaler Erkenntnis bestimmt, ja verschärft wird sie als „Erlösung von dem Rationalismus und Intellektualismus der Wissenschaft“ als Grundvoraussetzung des Lebens in der Gemeinschaft mit dem Göttlichen gesehen.
Dieses Göttliche als Hinterwelt wird bei dem Autor analog zu einer „leibnizschen, ausdehnungslosen Monade (mathematischer Punkt) dargestellt, indem diese „Hinterwelt“ eingefaltet ist.
Die Verwandtschaft mit bestimmten esoterischen Strömungen der Neuzeit ist offensichtlich, auch wenn das vom Autor vehement abgestritten wird, denn die „Hinterwelt“ ist seine „spiritualisierte, zweite Außenwelt“ von der schon Michelangelo in seiner Grabinschrift sprach:

„Ich bin nicht tot, ich wechsele nur die Räume.
Ich lebe in Euch und geh´ durch Eure Träume, da uns, die wir vereint, Verwandlung traf.“
(im Sinne einer Transformation).

Dieser strikte Dualismus charakterisiert die Weglosigkeit zwischen beiden Welten und deren fundamentale Inkommensurabilität.

August 2023